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Berufsmeisterschaften für mehr Fachkräfte im Netzbau
Im September finden zum zweiten Mal regionale Berufsmeisterschaften für Netzelektriker/innen im Kanton Aargau statt. Der schweizweit erste derartige Wettbewerb wurde vor zwei Jahren durchgeführt. Wir haben mit dem Initiator, dem Leiter des Organisationskomitees und dem Gewinner gesprochen. Sie teilen ihre Erfahrungen, um ähnliche Wettkämpfe in anderen Regionen der Schweiz zu inspirieren. Hier findest du ihre wichtigsten Tipps.
Die Exzellenz der Berufsausübung fördern, Jugendlichen das vielfältige Erleben von Berufen ermöglichen, das Image der Berufslehre stärken – das sind die Ziele von Berufsmeisterschaften. «Sicherheit, Wohlstand und Standortattraktivität der Schweiz hängen zu einem wesentlichen Teil von einer hoch verfügbaren, zuverlässigen Infrastruktur ab: Wasser, Strom, Kommunikation und Verkehrswege. Der Beruf «Netzelektriker/in» ist wenig bekannt, obwohl er wesentliche Beiträge an die Infrastruktur leistet. Eine vorzugsweise nationale Berufsmeisterschaft kann dazu beitragen, dem Beruf «Netzelektriker/in» die ihm zustehende Beachtung zu verschaffen.» So denkt Heinz Wernli, abtretender Leiter Arbeitssicherheit und Ausbildung bei der AEW Energie AG, der kurz vor der Pensionierung steht. Für ihn ist klar, dass die Teilnahme an den nationalen SwissSkills deshalb mittelfristig das Ziel sein muss.
In der Zwischenzeit will er jedoch nicht tatenlos abwarten. Deshalb hat er 2022 das Projekt «Regionale Berufsmeisterschaft Netzelektriker/in» ins Leben gerufen. Mit Ausbildner Tiziano Maeder konnte er einen Projektleiter aus der eigenen Abteilung gewinnen. Bereits im September 2023 ermöglichten die beiden die erste Austragung des regionalen Wettbewerbs im Rahmen der aargauischen Berufsschau. Liridon Bytyqi, der damals im dritten Lehrjahr war, gewann den Wettbewerb. Mit ihren Erfahrungen möchten die drei dazu beitragen, dass auch in anderen Landesteilen regionale Berufsmeisterschaften für Netzelektriker/innen entstehen. Wir fragen nach, was es dabei zu beachten gilt.
Ihr seid ins kalte Wasser gesprungen und habt als Erste eine regionale Berufsmeisterschaft für Netzelektriker/innen organisiert bzw. daran teilgenommen. Wie kam es dazu?
Heinz Wernli: Unmittelbar vor den letzten SwissSkills 2022 war ein Teil unserer Mitarbeitenden auf einem Geschäftsausflug. In einer Kaffeepause öffneten ein Kollege und ich die Homepage der nationalen Berufsschau, um zu prüfen, welche Berufe dort gezeigt würden. In der alphabetischen Auflistung entdeckten wir unter «K» die Kleinberufe «Korb- und Flechtwerkgestalter/in» und «Küfer/in», die offenbar in Bern einen Stand unterhielten. Nach der Sichtung von verschiedenen Berufen wie «Maler/in» und «Maurer/in» unter dem Buchstaben «M» freuten wir uns auf das «N». Leider war dieser Buchstabe nicht vertreten, denn nach dem «M» folgte direkt das «O»… Die Enttäuschung über die Absenz des Berufs «Netzelektriker/in» an den SwissSkills durfte nicht obsiegen. Nach einigen internen Abklärungen in der AEW Energie AG entschied ich mich, das Projekt «Regionale Berufsmeisterschaft Netzelektriker/in» aktiv weiter zu verfolgen.
Tiziano Maeder: Wir baten um Unterstützung im Projektteam «Stand Netzelektriker/in» zur aargauischen Berufsschau 2023. Teile davon entschlossen sich, uns zu unterstützen, andere nicht. Wir gründeten einen Verein, um agil zu handeln. Schlussendlich ergab sich ein kleines Organisationkomitee (OK) aus meinem Vorgesetzten Heinz Wernli, zwei Kollegen aus dem Berufsstand mit abgeschlossener Meisterprüfung und mir. Wir teilten uns die organisatorischen Aufgaben untereinander auf und konnten mit der Planung durchstarten.
Liridon Bytyqi: Ich habe von meinem Lehrmeister mitbekommen, dass es eine erste Berufsmeisterschaft für Netzelektriker/innen gibt. Er fragte mich, ob ich da mitmachen möchte.
Ihr hattet wenig Zeit für die Planung und musstet viel organisieren. Wie seid ihr vorgegangen?
Tiziano Maeder: Nach dem Entscheid im Januar 2023 konnte die Planung beginnen. Die Durchführung fand bereits Anfang September 2023 statt. Wir hatten also 7 Monate Zeit, um alles zu organisieren. Nebenbei gingen wir unserem Job nach. Aus logistischer Sicht beschränkten wir uns auf den Durchführungsort der aargauischen Berufsschau. Die Grundlagen wie Parkplätze, Anreisemöglichkeiten, Verpflegungsstände, etc. waren vor Ort und mussten nicht zusätzlich geplant und berücksichtigt werden. Natürlich brauchten wir auch ein Reglement, um alle wichtigen Fragen zu klären. Dazu informierte ich mich in bereits bestehenden Reglementen von anderen Berufen und machte eine ganzheitliche Analyse. Unterstützung erhielt ich vom OK. Unser Reglement ist öffentlich verfügbar auf der Website netzelektrikerin-berufsmeisterschaft.ch/reglement.
Bei den regionalen Berufsmeisterschaften handelt es sich um einen Wettbewerb. Wer entwickelte die zu lösenden Aufgaben?
Tiziano Maeder: Die Aufgaben definierte ich mit einem meiner OK-Mitglieder. Die Detailausarbeitung übernahm ich während meiner Sommerferien. Gleichzeitig entwickelte ich ein Bewertungsraster. Uns war wichtig, dass wir rein praktische Aufgaben prüfen, welche mit keinem Sicherheitsrisiko verbunden sind und vor Ort auf einem provisorisch eingerichteten Platz stattfinden können.
So zusammengefasst, klingt die Planung trügerisch einfach. Was waren die grössten Herausforderungen?
Heinz Wernli: Uns war von Anfang an klar, dass der initiale Aufwand für einen solchen Anlass nicht vernachlässigbar sein würde.
Tiziano Maeder: Die grosse Schwierigkeit war ganz klar der Zeitfaktor. Wir mussten früh entscheiden und konnten nicht lange über Problemstellungen nachdenken. Getroffene Entscheidungen mussten umgesetzt werden. Beispielsweise mussten wir in kurzer Zeit definieren, welches Material benötigt wird, und die Lieferung zeitgerecht auslösen. Ausserdem waren unsere finanziellen Mittel beschränkt. Wir konnten deshalb die Juroren nicht entschädigen und waren darauf angewiesen, dass sie den Tag frei nehmen oder ihre Firma dieses Unterfangen mit zur Verfügung gestellter Arbeitszeit unterstützt. Und beworben haben wir den Anlass durch Mund-zu-Mund-Propaganda in unseren Netzwerken.
Wie seid ihr mit diesen Herausforderungen umgegangen?
Heinz Wernli: Wir merkten bald, dass in der Branche ein echtes Bedürfnis für eine Meisterschaft besteht, einerseits bei den aktiven Netzelektriker/innen, andererseits bei vielen Firmen und Lieferanten, die uns ihre Unterstützung anboten.
Tiziano Maeder: Genau, wir haben grosszügige Unterstützung erhalten. Wir haben gelernt, dass es sich lohnt, frühzeitig anzufragen – sei es für Sponsoren oder auch Jury-Mitglieder –, denn die Unterstützung steht bereit, wir müssen sie nur wahrnehmen. Ausserdem lohnt es sich, mit einem kleinen, motivierten OK-Team zu arbeiten, das in kurzer Zeit Entscheidungen fällen und umsetzen kann.
Ihr seid nun bereits in der Planung der nächsten regionalen Berufsmeisterschaften, die dieses Jahr wieder im September stattfinden werden. Was motiviert euch dazu, den Wettbewerb weiterzuführen?
Tiziano Maeder: Für mich war es beim letzten Mal ein grosses Highlight, dass fast alle angefragten Personen eine Zusage gaben. Zudem bin ich stolz auf alle Teilnehmer und Juroren, welche sich – ohne zu wissen, was auf sie zukommt – der Aufgabe gestellt haben und mir vertraut haben, dass alles gut kommt. Ich bin immer noch erstaunt, wie sehr die Ausbildung resp. die Förderung junger Talente grosszügig unterstützt wird. Das motiviert mich dazu, mich auch weiterhin zu engagieren.
Heinz Wernli: Wir hatten auf die Aargauische Berufsschau in Wettingen ab 2023 eine sehr gute Resonanz. Der gemeinsame Stand «Netzelektriker/in» und Berufsmeisterschaft kam in der Prämierung des Veranstalters auf den 2. Rang. In den Bewerbungen für unsere Lehrstellen wird in den meisten Fällen auf den Anlass verwiesen. Dass am Schluss ein Lernender aus dem dritten Lehrjahr gewonnen hat, war dann das Pünktchen auf dem i. Rückblickend war es die richtige Entscheidung, die regionale Berufsmeisterschaft zu planen und durchzuführen. An diesen Erfolg möchten wir anknüpfen.
Liridon, als Teilnehmer und Gewinner hast du eine etwas andere Perspektive auf die ersten regionalen Berufsmeisterschaften. Was waren für dich die grössten Herausforderungen und Erfolgserlebnisse?
Liridon Bytyqi: Die ersten regionalen Berufsmeisterschaften waren eine grossartige Gelegenheit, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und von anderen zu lernen. Ein Highlight war die hohe Qualität der Aufgaben und der starke Wettbewerb. Die grössten Herausforderungen waren der Zeitdruck und die Komplexität der Aufgaben, die eine präzise Planung und schnelles Handeln erforderten. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich meine Fähigkeiten unter so grossem Druck zeigen konnte und dabei den ersten Platz erreichte. Dieser Erfolg hat mir nicht nur in meiner beruflichen Entwicklung weitergeholfen, sondern mir auch mehr Selbstvertrauen in meine Arbeit gegeben.
Welche Empfehlung möchtet ihr Personen mitgeben, die eine regionale Berufsmeisterschaft in anderen Landesteilen planen?
Liridon Bytyqi: Ich würde die Teilnahme an regionalen Berufsmeisterschaften auf jeden Fall weiterempfehlen. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, sich mit anderen Fachkräften zu messen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und das eigene Wissen unter Beweis zu stellen. Übung und gezieltes Training sind entscheidend. Neben technischem Wissen braucht man als Teilnehmer eine gute Planung und Struktur. Der Wettbewerb fördert aber nicht nur die fachliche, sondern auch die persönliche Weiterentwicklung. Er bietet Gelegenheit, sich mit anderen Teilnehmenden auszutauschen und von ihren Erfahrungen zu profitieren. Oft kann man durch Zusammenarbeit oder Beobachtung neue Perspektiven und Ideen gewinnen.
Tiziano Maeder: Meine Empfehlung lautet: Klotzen statt kleckern. Seid mutig und wagt etwas, denn die Branche ist bereit, Unterstützung erhaltet ihr von überall. Macht etwas Grosses, die Teilnehmenden und die Zuschauenden haben es verdient. Habt ihr Fragen oder braucht ein Konzept, meldet euch bei mir. Ich unterstütze gerne, soweit es geht.
Heinz Wernli: Ich schliesse mich dem an: Nicht lange überlegen, sondern machen und sich anschliessend am Resultat freuen. Impressionen von der Austragung 2023 gibt es auf der Website netzelektrikerin-berufsmeisterschaft.ch, dazu auch nützliche Informationen und Kontaktadressen der im OK Beteiligten. Diese stehen bei Fragen gerne zur Verfügung. Die Vorbereitungen für unsere nächste Durchführung im Herbst 2025 in Wettingen sind bereits angelaufen.