Ausbildung
«Den Nachwuchs begeistern»
Gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte sind die Voraussetzung für den erfolgreichen Umbau unseres Energiesystems. Ohne Netzelektriker:innen bleiben die Energie- und Klimaziele der Schweiz blosse Lippenbekenntnisse. Wie stellen wir sicher, dass der Nachwuchs die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringt? Und was sind die grössten Herausforderungen in der Berufsbildung? Diese und weitere Fragen haben wir Jean-Paul Venditti, Präsident der Schweizerischen Kommission für Berufsentwicklung und Qualität für die Berufsbildung als Netzelektriker:in EFZ, gestellt.
Jean-Paul Venditti, die Schweizer Bevölkerung will mehr sauberen Schweizer Strom. Damit uns die Transformation des Energiesystems tatsächlich gelingt, brauchen wir aber vor allem eins: gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Haben wir genügend Netzelektriker:innen?
Die Frage nach Fachkräften ist strategischer Natur, denn sie ist für uns lebenswichtig geworden. Um die Energiewende, die das Volk will, zu ermöglichen, brauchen wir Nachwuchs. Heute spüren wir bereits einen gewissen Fachkräftemangel, aber in ein paar Jahren wird es wirklich eng werden, wenn wir jetzt keine Massnahmen ergreifen.
Wie können wir den Nachwuchs sichern?
Kurz zusammengefasst: Anregung, Begeisterung, Berufung. Wie kommt es, dass man einem jungen Menschen nicht erklären muss, was eine Ärztin, ein Polizist, eine Köchin oder ein Soldat ist? Für jeden dieser Berufe gibt es erfolgreiche Fernsehserien oder sogar Filme. Mein Vorschlag ist folgender: bilden wir in der Branche Rücklagen und eine dedizierte Projektgruppe mit dem Ziel, einen Film, eine Serie oder ein Videospiel über den Beruf Netzelektriker:in zu entwickeln. Das wäre ein strategisches HR-Projekt, denn es wirkt stimulierend sowohl beim Nachwuchs als auch beim aktuellen Personal, es begeistert die Unternehmen und die Bevölkerung für den Beruf und es kann gerade bei jungen Leuten eine echte Berufung fördern.
Sie richten diesen Aufruf an die Branche. An der Berufsbildung Netzelektriker:in EFZ sind aber noch weitere Partner beteiligt.
Die Berufsbildung ist eine ziemlich komplexe Sache. Die Liste der Akteure ist lang. Als erstes haben wir die Ausbildungsbetriebe. Während drei Jahren sind sie der tägliche Aufenthaltsort der Jugendlichen und damit der Ort, an dem eine echte Berufung entstehen kann. Aus meiner Sicht sind sie der wichtigste Akteur für den Beruf. Dann gibt es noch die Berufsschulen, die den theoretischen Hintergrund vermitteln. Drittens gibt es die Zentren für die überbetrieblichen Kurse (üK-Standorte), wie zum Beispiel CIFER in der Romandie. Davon gibt es sechs in der gesamten Schweiz. Diese sind dafür verantwortlich, dass alle praktischen Kenntnisse, die für den Beruf unerlässlich sind, erprobt werden. Das Zusammenspiel dieser drei Akteure stellt sicher, dass die Ausbildung relevant ist. Denn wenn ich Einstein paraphrasieren darf: Wissen erwirbt man durch Erfahrung, alles andere ist Information.
Diese Akteure sind alle direkt an der Ausbildung der Lernenden beteiligt. Was läuft im Hintergrund?
Noch vieles mehr! Da ist der Bund, der über das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) eine wichtige Rolle einnimmt. Dann gibt es die Kantone mit ihren eigenen Abteilungen. Die Westschweizer Kantone haben sich in diesem Bereich zusammengeschlossen, was die Sache vereinfacht. Und dann gibt es noch die vier Verbände, welche die Trägerschaft Berufsbildung Netzelektriker:in bilden: den Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), die Vereinigung von Firmen für Freileitungs- und Kabelanlagen (VFFK), den Verband öffentlicher Verkehr (VöV) und den Schweizer Netzinfrastrukturverband für Kommunikation, Energie, Transport und ICT (SNiv). Alle diese Akteure sind in der Kommission vertreten – das macht es spannend, aber auch hoch komplex.
Vielen Dank!
Sie sprechen die Kommission für Berufsentwicklung und Qualität (B&Q) für Netzelektriker:in EFZ an. Was sind die Aufgaben dieser Kommission?
Die Kommission stellt sicher, dass die Qualität der aktuellen und zukünftigen Ausbildung den Bedürfnissen und Herausforderungen der Branche entspricht. Sie ist die wichtigste Kommission der Branche in Bezug auf den Nachwuchs. Zu ihren Aufgaben gehört es, Grundlagen für die Ausbildungsbetriebe, die Berufsschulen und die üK-Zentren zu erarbeiten und Dossiers vorzubereiten.
Wenn so viele verschiedene Akteure in einer Kommission zusammenarbeiten, ist die interne Koordination sicherlich auch eine Herausforderung. Wie kommen Sie auf einen gemeinsamen Nenner?
Das Sekretariat, das beim VSE angegliedert ist, spielt bei der internen Koordination eine entscheidende Rolle. Die Organisation des Sekretariats hat sich in den letzten Monaten stark verändert und es sind neue Kolleginnen dazugestossen, die überaus leistungsbereit sind und mich bei meiner Aufgabe als Präsident unterstützen. Ich möchte ihnen meinen ganz besonderen Dank aussprechen. Gemeinsam erarbeiten wir Möglichkeiten, wie wir alle Interaktionen mit den anderen Akteuren der Berufsbildung vereinfachen können.
Als Präsident der Kommission B&Q haben Sie eine zentrale Funktion in der Berufsbildung inne. Was zeichnet Sie in dieser Rolle aus?
Auf Französisch spricht man von den drei Us: utile, utilisable und utilisé. Man kann also nützlich, brauchbar und tatsächlich gebraucht sein. Dass die Rolle eines Präsidenten nützlich ist, ist klar – man braucht jemanden, der koordiniert. Für mich ist die Frage deshalb: Bin ich in meiner Rolle kompetent? Und werde ich zur Leitung von Projekten herangezogen oder um Rat gefragt? Ich kann sagen, dass ich mich im Lauf der Jahre immer nützlicher, immer brauchbarer und immer mehr gebraucht fühle. Das ist insbesondere der Unterstützung des Sekretariats zu verdanken. Ich bringe aber auch einige Erfahrung mit, denn ich habe bereits eine Reihe von Komitees und Verbänden präsidiert. Was ich an dieser Rolle besonders schätze, ist, dass Lösungen durch kollektive Intelligenz entstehen. Wenn die oder der Einzelne anfängt, sich selbst zu vergessen, das Ego beiseitelässt und wirklich an die anderen denkt. Und wenn jede und jeder dann noch die eigenen Vorrechte zurückstellt, dann ist das für mich das Begeisternde.
Kollektive Intelligenz für die Weiterentwicklung der Berufsbildung – das klingt gut. Wie gewährleistet die Kommission B&Q für die Ausbildung als Netzelektriker:in EFZ konkret, dass diese aktuell bleibt und den Herausforderungen gerecht wird?
Den Rahmen für die Ausbildung als Netzelektriker:in EFZ bilden das Bundesgesetz über die Berufsbildung sowie die darauf basierende Verordnung über die berufliche Grundbildung Netzelektriker:in und der Bildungsplan. Beide – Verordnung und Bildungsplan – müssen regelmässig überarbeitet werden. Aktuell befinden wir uns in der Umsetzungsphase der kürzlich revidierten Bildungsverordnung. Die Überarbeitung der Ausbildungsinhalte der beruflichen Grundbildung ist weitgehend abgeschlossen. Alle diese Unterlagen müssen in die verschiedenen Landessprachen übersetzt werden. Auch das Qualifikationsverfahren wird komplett überarbeitet. Diese Arbeiten dauern noch an.
Das heisst, die Umsetzung der Revision ist auf Kurs?
Die Revision ist auf dem richtigen Weg. Der erste Jahrgang Lernende hat soeben das erste Ausbildungsjahr mit den Inhalten gemäss dieser Revision abgeschlossen. Die Lernenden werden nun klar handlungskompetenzorientiert ausgebildet. Sie sollen zu mehr Selbständigkeit und Verantwortung herangezogen werden. Das sehe ich sehr positiv. Allerdings bleiben die personellen Ressourcen für die Umsetzung der Revision eine Herausforderung. Es liegt an allen Akteuren der Berufsbildung, die Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Es braucht Personen, die in Kommissionen und Arbeitsgruppen arbeiten und die nötigen Unterlagen erstellen. Das heisst, es braucht das entsprechende Bewusstsein für die strategische Bedeutung der Berufsbildung in den Führungsetagen, welche die benötigten Ressourcen freisetzen können. Es ist schön und gut, Prozesse und Strukturen zu haben, aber wenn es an den personellen Ressourcen mangelt, wird das Projekt nicht oder nur schwierig gelingen. Das ist eine Frage der Priorisierung.
Blicken wir zum Abschluss noch über das laufende Umsetzungsprojekt hinaus: Was sind die grossen Trends der nächsten Jahre, welche die Ausbildung und den Beruf als Netzelektriker:in verändern werden?
Ein grosser Trend ist die Verbreitung künstlicher Intelligenz. Diese verändert insbesondere die «white collar» Berufe, sodass immer mehr Leute, die – wie ich damals – kaufmännische Angestellte waren, sich entweder spezialisieren oder vermehrt handwerklich arbeiten müssen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden junge Menschen, die nach einer sinnvollen Beschäftigung suchen, Berufe wählen, die für die Gesellschaft nützlich sind. Wir müssen auf diesem Trend surfen und unser Narrativ dementsprechend anpassen.
Eine weitere Entwicklung ist die Prüfung eines eidgenössischen Berufsattests (EBA) für Netzelektriker:innen. Ein EBA einzuführen, ist genauso viel Arbeit wie eine Revision. Es erfordert genau die gleiche Art von Vorbereitung wie ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ). Für die Einführung eines EBA werden wir einige Jahre benötigen.
Hinzu kommt die Validierung von Bildungsleistungen. Besonders in der Romandie ist das ein Trend in unserer Branche, der sich weiterentwickeln wird. Es werden Leute gesucht, die bereits in einem bestimmten Bereich kompetent sind und die sich für die Arbeit als Netzelektriker:in interessieren.
Der neueste Trend ist, dass die neuen Auszubildenden immer älter werden. Wir haben sehr junge Auszubildende, aber wir haben auch immer mehr Auszubildende, die eine zweite oder sogar dritte Lehre machen und deutlich älter sind. Ich begrüsse das, wenn man 30- oder 35-Jährige in einer Gruppe von Jugendlichen hat – das verändert die Dynamik. Und das ist äusserst positiv für die Ausbildung, weil diese Personen einen breiten Erfahrungsschatz mitbringen. Das möchte ich den Ausbildungsbetrieben mit auf den Weg geben: Zögern Sie nicht, erwachsene Auszubildende einzustellen.